Die Schonzeit für Big Tech scheint endgültig vorbei zu sein. Die Europäische Kommission hat eine formelle kartellrechtliche Untersuchung gegen Google eingeleitet.
Der Kern des Vorwurfs wiegt schwer. Der US-Konzern soll seine marktbeherrschende Stellung missbrauchen, um seine KI-Modelle mit Inhalten von Verlagen und Kreativen zu trainieren. Ohne faire Kompensation und faktisch ohne Wahlmöglichkeit für die Betroffenen.
Für Webseitenbetreiber, Blogger und Unternehmen im digitalen Raum, ist dieser Schritt aus Brüssel von enormer Tragweite, denn es geht um die wirtschaftliche Basis des Internets.
Die Kommission unter der Vizepräsidentin Teresa Ribera prüft, ob Google durch seine Praktiken gegen Artikel 102 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) verstoßen hat.

Der Vorwurf: Datenmonopol statt fairem Wettbewerb
Die Ermittlungen konzentrieren sich auf zwei Hauptbereiche, in denen Google verdächtigt wird, den Wettbewerb zu verzerren:
Web-Inhalte für die Google-Suche: Google nutzt Inhalte von Online-Publishern, um seine KI-Dienste „AI Overviews“ (die direkte KI-Zusammenfassungen in der Suche) und den konversationsbasierten „AI Mode“ zu speisen.
YouTube-Inhalte: Die Kommission untersucht, ob Google die auf YouTube hochgeladenen Videos verwendet, um seine KI-Modelle zu trainieren, ohne die Ersteller zu entlohnen.
Besonders brisant ist dabei der Vorwurf der Erpressung durch Marktmacht.
Laut der EU-Kommission haben Verlage und Webseitenbetreiber kaum eine realistische Chance, der Nutzung ihrer Inhalte zu widersprechen.
Wer Google verbieten würde, seine Texte für die KI-Zusammenfassungen zu nutzen, riskiert demnach, komplett aus der Google-Suche zu fliegen oder massiv an Sichtbarkeit zu verlieren.
Da die meisten Publisher wirtschaftlich vom Google-Traffic abhängig sind, gleicht dies einem „Friss oder stirb“-Szenario.
Auch bei YouTube sieht die Behörde ein Ungleichgewicht: Wer Videos hochlädt, muss Google weitreichende Nutzungsrechte für das KI-Training einräumen.
Gleichzeitig sperrt Google konkurrierende KI-Entwickler systematisch davon aus, diese Daten ebenfalls zu nutzen. Das könnte Google einen unaufholbaren Wettbewerbsvorteil verschaffen und Innovationen anderer Anbieter im Keim ersticken.
Was wir darüber denken
Wir als Blogger, die täglich Zeit und Energie in die Erstellung von Inhalten investieren, verfolgen das Verfahren mit großer Spannung.
Seit Monaten beobachten wir, wie der Traffic auf vielen Webseiten einbricht, weil Google die Antworten mittels KI direkt auf der Suchergebnisseite liefert.
Der Nutzer klickt nicht mehr auf den Link zum Originalartikel (= „Zero-Click-Searches“).
Es ist eine absurde Situation, dass wir Webseitenbetreiber die Datenbasis für ein System liefern sollen, das uns anschließend die Besucher und damit die Existenzgrundlage entzieht.
Wenn Qualitätsjournalismus und Fachblogs langfristig bestehen sollen, brauchen wir faire Bedingungen und Traffic.
Dass die EU hier nun die „Gatekeeper“-Funktion von Google hinterfragt, ist ein längst überfälliges Signal für die gesamte Branche.
Wie geht es weiter?
Google selbst weist die Vorwürfe scharf zurück. Ein Sprecher betonte, dass europäische Nutzer ein Recht auf neueste Technologien hätten und das Verfahren riskieren würde, Innovationen in einem wettbewerbsintensiven Markt zu bremsen.
Für die EU-Kommission hat die Untersuchung nun Priorität, eine gesetzliche Frist für den Abschluss gibt es jedoch nicht. Sollten sich die Verdachtsmomente bestätigen, drohen Google empfindliche Strafen und die Verpflichtung, seine Geschäftspraktiken grundlegend zu ändern.
Für die europäische Digitalwirtschaft könnte dies der Beginn einer fairen Neuordnung im Umgang mit KI-Trainingsdaten sein.